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Schon zweimal hatte ich das Vergnügen, in persönlichen Kontakt mit dem Wolf zu kommen. Vor allem die Reise zum Wolfpark war ein faszinierendes Erlebnis - nirgendwo sonst kann man dem scheuen Wolf so nahe sein.


Wolfpark in Battleground

Einmal einen Wolf persönlich begrüssen zu können, war der Wunsch einer Gruppe von Wolfs-Freunden, die sich Anfang November aufmachten, um ein deutschsprachiges Wolf-Verhaltens-Seminar in den USA zu besuchen. Ziel war der Wolf Park in Battle Ground im Bundesstaat Indiana, wo das Seminar, das durch den Wolf-Park-Direktor Prof. Erich Klinghammer geleitet wurde, stattfand.

Der Wolf Park wurde 1972 von Prof. Klinghammer gegründet und befindet sich in einem 30 ha grossen Gelände. Dort leben etwa 20 Wölfe, 1 Koyote, 2 Polarfüchse und einige Bisons. Die Haupteinnahmequelle des Wolf-Park stammt von Mitgliederbeiträgen und vor allem von Wolfs-Adoptionen. Wer einen Wolf adoptiert hat, bekommt regelmässig Berichte und Fotos und kann seinen Adoptiv-Wolf persönlich begrüssen. Alljährlich werden im Wolf-Park drei 5tägige Wolf-Verhaltens-Seminare in englischer Sprache durchgeführt. Bei genügender Beteiligung ist Prof. Klinghammer bereit, auch eines in deutscher Sprache abzuhalten.

In der Schweiz findet jedes Jahr in Stäfa ein 3tägiges Seminar statt. Das grosse Wolfsrudel lebt in einem zirka 3 ha grossen Gehege, in dessen Mitte sich ein kleinerer See befindet. Die Wölfe werden unter halbnatürlichen Bedingungen gehalten. Dadurch ist es möglich, das Verhalten der Tiere dauernd zu studieren und zu Erkenntnissen zu gelangen, die sonst nicht erhältlich wären, da wilde Wölfe nicht dauernd und nur ganz selten aus der Nähe beobachtet werden können.

w12.jpg (17097 Byte)Handaufgezogene Wölfe

Die Wolfswelpen werden im Alter von zirka zehn Tagen der Wolfshöhle entnommen und von Menschenhand aufgezogen. Mit dieser Aufgabe werden Menschen beiderlei Geschlechts betraut, da Wölfe entweder Frauen oder Männer meiden, wenn sie nur mit dem einen Geschlecht in Berührung gekommem sind. Die Welpen werden täglich gewogen, und mit etwa 50 Tagen können sie selbständig essen. Wenn sie etwa drei Monate alt sind, werden sie mehrmals täglich für einige Stunden mit erwachsenen Wölfen zusammengebracht. Mit vier Monaten werden sie endgültig ins Rudel zurückgebracht. Zu diesem Zeitpunkt sind sie genügend mit Menschen sozialisiert und betrachten sie als ihresgleichen. Das vermindert den Stress, der durch das Leben in Gefangenschaft entsteht und ermöglicht es, medizinische Massnahmen, wie zum Beispiel Impfungen und Blutentnahmen, ohne grössere Belastung für die Tiere durchzuführen.

Mit den Wölfen heulen

Gleich am ersten Abend, als wir im Wolf Park ankamen, wurde eine "Heulnacht" durchgeführt: Angestellte und Besucher standen vor dem Gehegezaun und fingen an zu heulen. Nach kurzer Zeit erschall als Antwort ein vielstimmiges Chorheulen der Wölfe in die bitterkalte Nacht hinaus. Und aus der Ferne antworteten die Wölfe in den anderen Gehegen. Wenn man die Augen schloss, fühlte man sich für kurze Zeit in die Wildnis Kanadas oder Sibiriens versetzt. Das Seminar-Programm begann jeden Morgen um 7.30 Uhr mit dem Beobachten der Wölfe. Dies dauerte etwa anderthalb Stunden. Aus berufenem Munde wurde uns das Verhalten erklärt. Ein wunderbarer Sonnenaufgang und das Heulen der Wölfe liessen uns jeweils den eisigen Wind, der über das flache Land wehte, etwas vergessen.

w10.jpg (16766 Byte)Wolf-Bison-Demonstration

Zum Programm des zweiten Seminartages gehörte eine Wolf-Bison-Demonstration. Ein paar Wölfe wurden ins Bison-Gehege gelassen. Dabei konnte man beobachten, wie die Wölfe die Bisons auf Anzeichen von Schwäche testeten und versuchten, einzelne Tiere von der Herde zu trennen. Die angedeuteten Angriffe erfolgten vor allem auf die Oberschenkel, Schwänze und Köpfe der Bisons. Dies sind aber alles gesunde und kräftige Tiere, und sie lassen sich von den Wölfen nicht allzusehr aus der Ruhe bringen. Manchmal werden die Angreifer sogar zu Angegriffenen. Nur einmal wurde ein Bison intensiver getestet als sonst. Später stellte sich heraus, dass er krank war. Nach dieser vergebenen Mühe wurden dann die Wölfe doch noch richtig gefüttert. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus nicht zerkleinerten Rehen und totgeborenen Kälbchen. Wolf Park besitzt eine Lizenz zum Einsammeln überfahrenen Wildes.

w9.jpg (15976 Byte) Bei den Wölfen im Gehege

Neben sehr interessante Themen wie: das Ethogramm der Wölfe, Lernprinzipien Pawlow und Skinner, Ernstkampf bei Wölfinnen, Rangordnung, Verhaltensprobleme bei Wölfen und Hunden usw., usw. stand auch auf dem Programm "Besuch der Wölfe im grossen Gehege"! Obschon, wie bereits erwähnt, die Wölfe handaufgezogen und auf Menschen sozialisiert sind, mussten vor dem Betreten des Geheges doch einige Regeln beachtet werden: keine gestrickten Pullover anziehen, da die Wolfskrallen sich leicht darin verfangen können; Ohrenschmuck entfernen, da Wölfe sehr neugierig sind und ihn untersuchen wollen; möglichst keine Lederbekleidung tragen und Bändel an der Kleidung verstecken. Auch darf niemals ein Wolf durch den Zaun berührt werden. Wenn er eine Hand erwischt, lässt er sie nicht mehr los, was durch die natürliche Gegenwehr des Menschen zu Verletzungen führen kann. "Gefährdete" Stellen wie Schuhbändel wurden vor dem Betreten des Geheges mit Bitterapfel-Spray eingespritzt. Und vor allem sollte die Wölfe nicht besuchen, wer verletzt ist oder sich krank fühlt. Sie merken das sofort und würden diesen "Schwächling" nicht gerade freundlich behandeln. Endlich waren alle Vorkehrungen getroffen: Wir durften das Gehege betreten! Ein etwas eigenartiges Gefühl war es schon, zum ersten Mal Wölfen (ohne Zaun dazwischen!) gegenüberzustehen. Doch die Ungewissheit, wie die Wölfe uns wohl empfangen würden, wich bald einem Glücksgefühl: Unverhofft waren wir eingekreist von prächtigen Vertretern der Gattung Canis lupus, die uns beschnüffelten und mit ihren schönen gelben Augen aufmerksam beobachteten. Wenn es einer erlaubte, durfte man ihn streicheln. Ab und zu sprang ein Wolf sogar an einem hoch, und man bekam einen dicken Kuss verpasst. Genau genommen durften es sich eigentlich nur die Alpha-Tiere erlauben, an den Besuchern hochzuspringen. Niederrangige Wölfe mussten umgehend wieder "auf den Boden der Wirklichkeit" gesetzt werden. Einige Angestellte des Wolf Park waren immer anwesend. Sie kennen die einzelnen Wölfe ganz genau und hätten bei der geringsten Veränderung ihres normalen Verhaltens, welche eine gefährliche Situation heraufbeschwören könnte, sofort eingegriffen. Nach einiger Zeit hatten die Wölfe das Interesse an uns verloren, und wir konnten die Kameras unter den Jacken hervornehmen und Erinnerungsbilder knipsen. Noch zweimal durften wir die Wölfe besuchen.

Abschiednehmen

Die interessante und lehrreiche Zeit bei den Urvätern unserer Hunde verflog allzu schnell. Zum Abschluss des Seminars bat uns Prof. Klinghammer, wir sollten uns doch - im Hinblick auf die früher oder später erfolgende Einwanderung der Wölfe in die Schweiz - darum bemühen, dass eine Interessensgemeinschaft zum Schutze des Wolfes gegründet werde. Der Wolf brauche einen Partner, der Aufklärungsarbeit bei Jägern und Schäfern betreibe. Schon bald nahte der letzte Abend. Als wir das Wolf-Park-Gelände verliessen, antworteten die Wölfe auf unser "Vorheulen" mit einem wehmütig klingendem Chorheulen, das uns den Abschied nicht leichter machte. Einige werden dieses Wolfsheulen Zuhause sicher vermissen.
Vielen Dank für die unvergessliche Woche an: Altair, Alyeska, Apollo, Karin, Kiri, Miska ("The Kissing Wolf"), Orca, Seneca und Socrates.

Erschienen am 13. Februar 1997 in der Tageszeitung "Der Bund". Autor: Rolf Kohler


Auf den Spuren der Wölfe und Bären in den Karpaten

Nachdem ich bereits Wölfe in Gefangenschaft erleben konnte, wollte ich auch einmal etwas über wilde Wölfe und wie die Leute dort mit den wilden Tieren in Koexistenz leben, in Erfahrung bringen. So reiste ich im Sommer 1997 nach Rumänien. In Rumänien findet man die grösste Wolfspopulation in ganz Europa

Ankunft

Nach der Ankunft im Flughafen Bukarest, stand der Reisegruppe eine mehrstündige Reise nach Brasov bevor. Wir wurden in einer stilvollen Familienpension untergebracht, in einem der zahlreichen Dörfer rund um Brasov. Die Anstrengende fahrt über unzählige Bodenlöcher hat uns alle ziemlich mitgenommen und wir waren deshalb auch froh, uns nach einem ausgiebigen Nachtessen zeitig auf's Ohr legen zu können; Morgen soll ein strenger Tag werden.

1. Tag - Wanderung durch die wunderschönen Karpaten.

r5.jpg (12453 Byte) Gleich am 2. Tag geht’s schon richtig los. Eine mehrstündige Wanderung durch die Karpaten steht auf dem Programm. Jede Tierspur wird genaustens untersucht, jede ehemalige Wolfs- und Bärenhöle unter die Lupe genommen. Von einem Wildhüter erfahren wir interessante Informationen über den Naturschutz in Rumänien. Am Abend werden wir mit einem stilvollen Abendessen in einer Bauernhütte überrascht. Extra für uns wurde ein Lamm geschlachtet und gebraten.

2. Tag - Anpeilen besendeter Wölfe.

r4.jpg (16437 Byte) Die anstrengendste Reise der gesamten Woche steht uns heute bevor. Unter der Führung von Christoph Promberger, dem Leiter eines Projekts zum Schutze und der Beobachtung der Wölfe in dieser Gegend, peilen wir besendete Wölfe an. Manchmal sind Sie unmittelbar in unserer Nähe, doch zu Gesicht kriegen wir keinen Wolf. Die Wölfe sind viel zu scheu!

3. Tag - Die Bären von Brasov.

r1.jpg (22189 Byte) Auf der Suche nach Nahrung verschlägt es die Bären schon mal an den Stadtrand von Brasov. Die Container dieser Stadt (die ungefähr gleich gross wie Bern ist) bieten den Bären einen wahren Festschmaus. So ereignen sich ganz seltsame Situationen: Ein Bär wühlt in einem Container, während etwa 5 Meter entfernt eine Frau ruhig zu ihrem Auto läuft. Etwas weiter oben sitzen jugendliche mit einer Flasche Bier oder Cola in der Hand und machen sich über die "seltsamen" Touristen lustig, die gespannt (vom sicheren Bus aus) die Bären beobachten. Viele Leute dort unterschätzen die Bären. Einmal erschreckt, oder in seiner Ruhe gestört, kann ein Bär sehr gefährlich werden.

4. Tag - Auf den Spuren des Grafen Dracula.

r2.jpg (24276 Byte) Ebenso interessant wie die Wölfe und Bären ist der berühmte Graf Vlad Tepes, dessen Schloss in Transilvanien steht. Klar wurde dieses Schloss auch besucht! Einwenig enttäuscht war ich schon, denn ich habe mir eigentlich alles etwas "gruseliger" vorgestellt, doch kriegte man dort sehr viel Kitsch zu sehen. Eine unheimlich Stimmung wollte sich einfach nicht so recht ergeben.

5. Tag - Zu Besuch bei den Schäfern.

r3.jpg (24214 Byte) Die letzte grosse Wanderung führte uns zu drei typischen Schäfern wie Sie im Bilderbuch stehen. Diese Schäfer leben über mehrere Monate in einer kleinen Hütte, ohne Strom, fliessendes Wasser und WC. Sogar geschlafen wird in der freien Natur. Wie es sich gehört, deckten wir uns noch ausreichend mit frischem, hervorragend schmeckenden Schafskäse ein.

Die Schäfer besitzen ein ungetrübtes Verhältnis zu Ihrer Natur. Ihre Herde wird Tag und Nacht bewacht. Auch leben insgesamt 4 Schäferhunde dort, die ebenfalls die Herde bewachen. Auch diese Herden erleiden manchmal einen Verlust durch einen Wolf, doch gemessen an der gesamten Wolfspopulation sind diese Verluste verschwindend klein und werden ohne zu murren hingenommen. Da könnten wir in der Schweiz noch viel lernen!