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In der europäischen Mythologie und Geschichte wurde der Wolf oft als Antichrist und Inkarnation des Bösen dargestellt. Im Laufe der letzten vier Jahrhunderte wurde der Wolf deswegen fast völlig ausgerottet.


Wie entstand der Hass?

In der Antike war der Lebensraum des Wolfes und des Menschen weitgehend getrennt gewesen. Anfang des Mittelalters fanden für die landwirtschaftliche Produktion wesentliche Neuerungen statt, wie der schwere Pflug, das Hufeisen und die Dreifelderwirtschaft. Es kam zu einer Intensivierung und Ausweitung der Landwirtschaft bis in schwer zugängliche Gebirgsgegenden hinein und, als Folge erhöhter Nahrungsmittelproduktion, zu einem kräftigen Bevölkerungszuwachs um die Jahrtausendwende. Wieder wurde der Wald gerodet. Die Jagd zum Nahrungserwerb wie zur sportlichen Betätigung der jetzt weitgehend in den Regionen ihrer Ländereien wohnhaften Adelsstände gewann stark an Bedeutung. Der Konkurrenzkampf um die immer seltener werdenden Beutetiere trieb die Wölfe in die von Menschen besiedelten Gebiete, wo sie zunehmend Druck auf die Haustiere ausübten und schliesslich zur Landplage wurden.

Ob die Wölfe tatsächlich auch Menschen angegriffen haben, ist heute kaum mehr feststellbar. Es ist sehr schwer, in Berichten aus jener Zeit zwischen wirklichem Geschehen, Dichtung und Magie zu unterscheiden.

Unter dem Einfluss des Christentums war die rationelle Weltschau der Antike einer magischen Denkweise gewichen, in der Mythologisches, Übersinnliches und Mystisches eine beherrschende Rolle spielten. Eine Gut-Böse-, eine Gott-Teufel-Dualität diente sowohl als Unterdrückungsinstrument im Lande wie zur Rechtfertigung brutaler Kriegszüge. Die Herrschenden nahmen Gott für sich alleine in Anspruch, während die Widersacher - seien es Mohammedaner , untreue Frauen oder schädliche Tiere - des Teufels waren. Das Morgenland wurde geplündert, Hexen wurden verbrannt, und auf zeitgenössischen Abbildungen kämpft Christus persönlich gegen den Wolf.

Die in der Antike nur sehr vage Vorstellung vom Werwolf erlebte jetzt eine Blütezeit. Werwölfe waren in Wolfsfellen steckende Menschen, die, wohl häufig unter Einfluss von Drogen oder spiritistischen Ritualen in Trancezustand versetzt, vampirähnlichen Menschenraub begingen oder Menschenopfer brachten. Ihre Existenz wurde im Mittelalter nicht bezweifelt. Man wusste nur nicht, was sie nun wirklich waren: Menschen oder Wölfe. Ähnlich wie die Hexen sollen auch die gestellten Werwölfe selber von ihrer Abnormalität überzeugt gewesen sein. Auf zeitgenössischen Darstellungen hängen in menschliche Kleidung gesteckte Wölfe am Galgen. Offensichtlich machte man kaum einen Unterschied zwischen Wolf und Wolfsmensch, und vermutlich gingen viele der berichteten Wolfsüberfälle auf das Konto dieser "Werwölfe". Auf vielen bildlichen Darstellungen sind die Wölfe zudem schwarz. Aber es gibt in Europa keine schwarzen Wölfe! Vermutlich liegen hier Verwechslungen vor. Doch trotz Verwechslungen und magischem Denken: Allzu zahlreich sind die Berichte, allzu stark die Angst vor dem Wolf und dem Wald, allzu dominant der Wolf in der Mythologie, als dass die Vorstellung vom menschenangreifenden Wolf einer realen Grundlage entbehren kann.

- Erik Zimen -