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Juhnke nippt an einem Glas WasserTHAT'S LIFE!
Es gibt wohl kaum einen grösseren Sinatra-Verehrer als der bekannte Schauspieler und Entertainer Harald Juhnke.

Genau wie sein Vorbild erlebte er alle "Up's" und "Down's", welche das Leben im allgemeinen so bereithält. 

Aus diesem Grund besonders lesenswert:  Gedanken von Juhnke über seinen "grossen Bruder"...

Midi: "That's Life"
(zu hören u.a. in "That's Life" 1966)


So blau wie diese Augen...

Ich kann mich noch gut erinnern. Es war im März 1979 in Berlin. Nach dem Tod von Peter Frankenfeld sollte ich Musik ist Trumpf übernehmen, wußte eigentlich aber gar nicht, wie das funktionieren sollte. Nie zuvor hatte ich bislang großes Entertainment gemacht. Diese Fernseh-Show kg mir damals schwer im Magen, zudem traute mir kaum jemand etwas zu. Mein Kollege Günter Pfitzmann, der mit mir in der ersten Sendung in einem Sketch spielte, wurde vor der Musik-Show denn auch skeptisch gefragt, ob ich so was überhaupt könne. Schlagfertig hat er geantwortet: »Ick werde Ihnen mal was sagen: Der Harald sitzt in der Garderobe und hört eine Stunde lang den Sinatra. Und dann geht er raus und glaubt, er ist Sinatra.«

Und da ist was dran. Noch heute höre ich vor jedem Auftritt Sinatra. Das muß ja einen Grund haben. Wenn man früher mit seiner Freundin in einen Film mit Humphrey Bogart ging, dann hat man danach auch so wie er gesprochen, kaum die Lippen geöffnet und germurmelt: »Schau mir in die Augen, Kleines.« Das hat Sinatra für mich noch heute. Mir ist dieser Aspekt ganz wichtig geblieben.

Dazu gehört auch, daß ich genaugenommen der einzige in Deutschland bin, der es sich leisten kann, Songs von Sinatra mit eigenem Text nachzusingen. My Way, I‘ve got you under my skin oder The Lady is a tramp mit einem deutschen Text - das ist schon ein Wagnis. Zumal ich nie behauptet habe, eine ganz besonders tolle Stimme zu haben. Aber ich singe diese Titel einfach so wie jeder andere auch, der Sinatra mag. Und wer hat nicht schon versucht, My Way wie er zu singen - und sei es nur in der Badewanne. Da Sinatra für mein Leben prägend war, hatte ich das erste Erlebnis mit ihm dementsprechend früh. Mir ist er schon in den vierziger Jahren aufgefallen, in den Filmen mit Gene Kelly und als Sänger in der Big Band von Tommy Dorsey. Nach dem Krieg gab es dann auch bei uns die Sinatra-Platten, heißbegehrte Sammlerstücke meiner Generation. Glücklicherweise versorgte mich ein Freund aus Amerika schon damals mit so was ähnlichem wie Videoaufzeichnungen seiner Fernseh-Shows im amerikanischen Fernsehen. Mich hat von Anfang an sein Stil begeistert, wobei er ja zu Beginn fast noch zu schnulzig war. Das hat sich im Laufe der Jahre dann allerdings völlig verloren, und er wurde kantiger und rauher. Er kam sozusagen auf den Punkt. Mit jedem Song hat er vor allem eine wunderbare Geschichte erzählt. Das fand ich an ihm immer besonders toll. Keiner kann ihm das bis heute nachmachen. Frank Sinatra ist für mich deshalb auch nicht einfach nur gute Unterhaltung. Er hat das Lebensgefühl einer Generation getroffen, so wie Elvis Presley oder die Beatles später in der Rockmusik. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Wenn man bedenkt, daß Sinatra heute 77 Jahre alt ist, dann hat er drei Generationen bedient. Selbst mein Sohn, der zwanzig ist, hört noch gerne New York, New' York. Sinatra schaffte einfach das schier Unmögliche und blieb sein Leben lang auf einem hohen Level, auch in der Publikumsgunst.

Das ist schon unglaublich, denn seine Person umgibt ja auch das Zwielichtige eines Mannes, dem Verbindungen zur Halbwelt der Mafia nachgesagt werden. Er hat das zwar immer bestritten, aber diese ominöse Aura machte ihn für uns interessant So jemanden gab es im Nachkriegsdeutschland einfach nicht. Er repräsentierte einen Typ Mann, der auf der Höhe der Zeit war. Sinatra war einfach gefragt: einer, der sich durchboxen mußte, auch mal seine Krisen hatte und dennoch seine Katastrophen meisterte. Seine gescheiterte Sache mit Ava Gamer zum Beispiel - daß er sich davon nicht unterkriegen ließ, das habe ich sehr bewundern Wer kann schon einfach die Trennung von dieser Frau verkraften? Seine souveräne und sensible Art hat beeindruckt. Viele haben versucht, ihn zu kopieren, aber keiner wirkte so glaubhaft. Selbst Dean Martin, Mel Tormé oder Sammy Davis jr. sind nie so weit in das Bewußtsein der ein einzelnen Menschen reingekommen wie er. Denn Frank Sinatra ist der ehrlichste von allen. Er versucht nie, ein anderer zu sein, als der, der er ist. Das heißt, er bekennt sich zu seinen Gefühlen, und das tut ein Mann bekanntlich selten, zumindest öffentlich. Er gibt in seinen Songs Niederlagen zu, die er im Leben oder mit den Frauen hatte. Auch als Schauspieler hat er diese Fähigkeit. Verdammt in alle Ewigkeit oder Der Mann mit dem goldenen Arm halte ich für zeitlos tolle Filme. Selbst in späteren Jahren, als er beim Publikum weniger erfolgreich einen Serien-Detektiv spielte, hat er nie versucht, etwas zu vertuschen. Er ist immer geradewegs und ehrlich auf den Kern der Dinge zugegangen. Man könnte sagen, dass ihm darin Yves Montand in Frankreich ähnlich war. Aber Montand war nicht der Sänger wie Sinatra, sondern eher ein Gelegenheits-Chansonnier. Wenn Sinatra einen einsamen Säufer an einer Theke besingt, der gerade von seiner großen Liebe verlassen wurde, das hat schon eine ganz andere Qualität. Die Traurigkeit von Sinatra wird nie zur Schnulze, man glaubt sie ihm.

Das ist auch der Grund, weshalb Sinatra bei Frauen so gut ankommt. Jede Frau wünscht sich so einen gefühlvollen und dennoch starken Mann. Privat soll Sinatra sehr rauh sein, aber auch das kann ich gut verstehen. Showbusineß ist ein fieses Gewerbe - und ich weiß nun wirklich, wovon ich rede. In diesem Geschäft muß man hart sein, oder man ist schnell weg vom Fenster Das hat ihn geprägt und Niederschlag gefunden in den Geschichten, die er singend erzählt

Von seiner Erfahrung habe ich unendlich viel gelernt. Drei Dinge sind mir aber besonders wichtig für mein eigenes Leben geworden: Beständigkeit, Unbestechlichkeit und Zuverlässigkeit. Das lebt er für mich seit fünfzig Jahren vor. Selbst heute, wo seine Stimme nicht mehr so geschmeidig ist und ihren jugendlichen Schmelz verloren hat, ist er mir lieber als alle diese jungen Schnösel, die einfach nur so vor sich hinsingen. Das macht er nie. Sinatra geht immer in die vollen.

Vielleicht, weil er um seine Verantwortung weiß. Denn Frank Sinatra ist der Sänger der Einsamen. Only the Lonely ist nicht zufällig eine seiner besten Platten. Er weiß, wovon er singt. Man spürt seine Sehnsucht nach einer menschlichen Beziehung. Damit trifft er mitten ins Herz. Das müssen nicht notwendigerweise nur seine Balladen sein, am besten gelingt ihm dies in den mittelschnellen Stücken. Da kommt das Lebensgefühl des einsamen Nacht-schwärmers am besten rüber. Wir Deutschen hatten und haben damit leider so unsere Schwierigkeiten. Tanze mit mir in den Morgen oder solche Titel entsprachen wohl mehr dem heimischen Lebensgefühl der fünfziger und sechziger Jahre. Sinatra war den Deutschen irgendwie zu hart und zu direkt, so komisch dies heute klingen mag. Erst in den siebziger Jahren hatte er bei uns seinen großen Durchbruch. Obwohl er ja vor Jahren mangels Publikumsinteresse bei einem Auftritt verkündete, aus Berlin einen riesigen Parkplatz machen zu wollen. Mir ist diese problematische Beziehung zwischen Sinatra und den Deutschen ein großes Rätsel, denn zumindest meine Generation kann ohne ihn einfach nicht leben.

Vielleicht hat es mit dem oftmals schwierigen Verhältnis der Deutschen zu Amerika zu tun. Zudem ist Frank Sinatra nun mal der amerikanische Patriot par excellence. Gerade, weil er sich politisch nicht festlegen läßt. Er hat die Kennedys im Wahlkampf unterstützt, später aber genauso auch Ronald Reagan. Immer war er für sein Land da - vom Präsidenten bis zum Hafenarbeiter. Sinatra war sicher nie ein Protestsänger, auch kein Rebell wie Marlon Brando, den ich ja viel synchronisiert habe. Sinatra hat dagegen eher die amerikanische Sehnsucht verkörpert. Bei uns hält man das schnell für verlogen und falsch. Damit ist es Sinatra aber immer ernst gewesen.

Dean Martin hat hingegen das Leben mit seinen Problemen nicht so wichtig genommen, er ist das eigentliche Leichtgewicht der amerikanischen Unterhaltung. Aber er ist ein wundervoller Komödiant, der sich prima verkaufen kann, selbst wenn er in seinen Shows sturzbetrunken ist und überhaupt nicht mehr weiß, wer seine Studiogäste sind. So eine Art Show hätte ich vor ein paar Jahren auch sehr gerne gemacht, aber bei uns ist das Leben ja so politisch geworden. Seitdem ich, wie man so schön sagt, ins Charakterfach auf der Bühne gewechselt bin und mit Der Papagei auch einen politischen Film gemacht habe, ist mir diese seichte und leichte Unterhaltung nicht mehr so wichtig.

- Süddeutsche Zeitung 1993 -